Schatz, es geht los! Ein Geburtsbericht.

Es ist Ende Februar, noch knapp 10 Tage bis zum errechneten Entbindungstermin. Wir sitzen gemütlich mit Freunden beim Afrikaner. Ich bestelle Fisch mit Kartoffeln, etwas scharf, aber seeeeehr lecker! Meine Freunde scherzen "Wer bezahlt, wenn euer Knirps jetzt gleich vor dem scharfen Fisch flüchtet?". Haha. Sehr witzig. "Ich habe noch mindestens 10 Tage!" antworte ich lässig. Ich fühle mich gut, nach dem Essen zwickt es etwas, aber nicht besonders schlimm. Ich habe bestimmt einfach nur zu viel gegessen. Wir lachen noch viel, der Abend ist toll. Dann gehen wir nach Hause. Endlich ins Bett!

...

03:00 Uhr nachts. Ich kann nicht mehr richtig schlafen. Die Blase drückt, ich muss schon wieder zur Toilette. Das darf doch nicht wahr sein! Ich brauche doch meinen Schlaf! Ich bin müde, schleppe mich die Treppen hinunter ins Bad. Mitten auf der Treppe platzt meine Fruchtblase. Ich haste die letzten Stufen hinunter und flüchte ins Bad. Erst mal sehen, wie es weiter geht... Erst mal ist alles ruhig, das ist gut. In Gedanken gehe ich meine noch nicht ganz fertig gepackte Krankenhaustasche durch, überlege noch, welches T-Shirt ich zur Geburt anziehe. Stunden später werde ich feststellen, dass das mein kleinstes Problem sein wird. ;) Auf einmal spüre ich einen deutlichen Druck im Bauch und im Rücken. Die erste Wehe! "Okay, das ist gut auszuhalten." rede ich mir gut zu. Noch besser geht es mir sicher, wenn ich nicht alleine bin. Ich schleiche leise ins Schlafzimmer zu meinem Mann ans Bett. Er schläft tief und fest. "Schatz, es geht los!" flüstere ich und streichle ihm den Kopf. Er ist mit einem Schlag hellwach. Ich sehe Ungläubigkeit in seinem Gesicht. "Ist das dein Ernst??" "Ja, die Fruchtblase ist geplatzt. Die Wehen beginnen." Er steht auf und wir gehen nach unten. In der nächsten Stunde habe ich Wehen, die immer regelmäßiger und stärker werden. Die Abstände liegen mittlerweile bei ungefähr 10 Minuten. Mein Mann lädt sich noch eine Wehen-App herunter, ich packe meine Tasche fertig. Dann verkürzen sich die Abstände auf 7 Minuten. Das ging dann doch ziemlich schnell! Wir setzen uns um 04:30 Uhr ins Auto und fahren ins Krankenhaus. Auf der Fahrt habe ich mehrere Wehen.

 

Wir melden uns an, reservieren ein Familienzimmer (Kann ich nur empfehlen!) Die ersten Untersuchungen werden gemacht. Wir sollen noch warten. Langsam wird es hell, im Frühstücksraum wird das Buffet aufgebaut. Mein Mann hat Hunger, also setzen wir uns an einen Tisch. Mittlerweile werden die Schmerzen bei mir immer stärker. Ich klammere mich an den Tisch. Langsam kommen frischgebackene Mamis zum Frühstück, Neu-Papas füllen Tabletts mit frischen Brötchen, Käse, Joghurt und Stilltee für ihre Frauen, der Raum füllt sich. Ich fühle mich immer mehr unwohl unter so vielen Leuten und wir verlassen den Raum. Wieder werde ich untersucht. Wir sind bei 5 cm. Super. Ich dachte wirklich, das geht schneller! Wieder werden wir aufs Zimmer geschickt. Ich bin müde. Sehr müde. Die Schmerzen werden stärker, ich brauche Halt bei jeder Wehe. Wir spazieren auf dem Flur entlang. Die Hebamme meinte, Bewegung beschleunige das Ganze. Hört sich doch gut an! In den Fluren der Entbindungsstation fallen mir die Ballet-Stangen an den Wänden auf... Wofür die wohl gut sind?!

 

Minuten später weiß ich es. Eine Wehe nach der anderen und ich wäre zu Boden gegangen, hätte ich nicht diese Stange umklammert. Es tut weh. Sehr! Wir hangeln uns zwischen den Wehen an den "Ballettstangen" entlang in Richtung Untersuchungszimmer.

 

Es ist mittlerweile 10 Uhr am Morgen. Endlich werde ich in den Kreissaal gebeten. "Endlich geht es voran!" denke ich. Tja. Noch lange nicht. Langsam kommt mir der Gedanke, dass mir Schmerzmittel bestimmt ziemlich gut tun würden und auch die Hebamme ist damit einverstanden. Gut, dann PDA und alles wird gut! Ich freue mich. Ein bisschen zumindest... Ich muss ein 5-seitiges Formular unterschreiben. Was darin steht verstehe ich nicht mehr, ich werde immer von heftigen Wehen abgelenkt. Mein Mann liest mit und bestätigt mir, dass ich das unterschreiben kann. Ich werde vorbereitet. Die Tür öffnet sich und eine junge Ärztin kommt herein. Ich werde von ihr darauf hingewiesen, dass ich jetzt auf keinen Fall eine Wehe bekommen darf. Spinnt die?!?! Ich antworte ihr genervt "Ach so. Okay! Ich wusste gar nicht, dass ich das beeinflussen kann. Hätten Sie mir das doch früher gesagt!" Die kommt vielleicht auf Ideen. Plötzlich spüre ich ihre Angst und Unsicherheit. Mir wird heiß und kalt, ihre Angst überträgt sich auf mich. Sie startet ihren ersten Versuch und "Auuuuuuuuuuuu!", nicht getroffen. Mist. Noch ein Versuch. "Auuuuuuuuuuuuuaaaa!". Wieder daneben. Ich werde nervös. Die Ärztin ebenfalls. Sie schnauzt mich an "Sie beugen sich nicht genug vor!!!". Da kommt die nächste Wehe. Die Hebamme unterstützt mich, die Ärztin ist sauer. Ich bin am Ende. Körperlich und nervlich. Was will diese blöde Nudel eigentlich von mir? So wie sie aussieht hat sie noch nicht mal selbst ein Kind zur Welt gebracht, denke ich mir. Sie startet weitere Versuche, ich habe zwischendurch Wehen, meine Angst steigt, die der Ärztin auch. Zwischendurch schaue ich nach unten auf meine Füße und checke, ob ich noch mit den Zehen wackeln kann. Mir wird mit jedem Versuch bewusst, dass diese Ärztin dass wohl noch nicht so häufig gemacht hat. Schließlich telefoniert sie. Sie klingt verzweifelt. Es kommen immer mehr Leute herein - Schwestern, Hebammen. Sie versucht, den Chefarzt zu erreichen. Mein Mann sitzt seit 45 Minuten vor dem Kreissaal und beobachtet, wie Personen herbei huschen und im Zimmer verschwinden. Er hat eine Riesenangst um mich. Dann kommt der Chefarzt und betritt den Kreißsaal mit den Worten "Wie sieht es denn bitte hier aus?!" Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter. Die junge Ärztin schaut betreten zu Boden. Der Chefarzt setzt sich hinter mich, berührt vorsichtig meine Schulter. Er sagt "Jetzt mache ich das. Ganz ruhig. Es wird nur noch ein einziges Mal pieksen!"  Ich beuge mich vor, er setzt an und zack! Die PDA sitzt. Ich bin erleichtert. Der Saal leert sich, Mein Mann darf endlich wieder herein kommen und es folgt eine Phase der Entspannung. Die PDA wirkt wunderbar und ich kann endlich Kraft schöpfen. Mein Mann schaut verwundert vom Wehenschreiber zu mir und ungläubig wieder zurück. "Hast du das jetzt grade nicht gemerkt?!" fragt er begeistert. "Neeeeee." gähne ich müde.

 

Dann schlafe ich ein. Nach einer Weile habe ich das Gefühl, die Schmerzen kommen wieder. Es fühlt sich aber jetzt etwas anders an. Irgendwie mächtiger aber dennoch gedämpft mit einem noch kräftigeren Druck. Wir rufen die Hebamme. Die Schmerzmittel werden heruntergefahren, damit ich mehr mitarbeiten kann. Schade eigentlich! :D Es folgen noch eine ganze Weile starke Wehen. Ich bin wie im Delirium. Eine unbeschreibliche Kraft arbeitet in mir. Und dann ist er da! Das größte Glück auf Erden. Er ist einfach wunderschön! Und er hat bereits ein kräftiges Organ! :D Wir kuscheln und weinen vor Freude. Mittlerweile ist es 18:00 Uhr. Erschöpft aber voller Oxytocin und mit einem breiten Grinsen werden wir auf unser Zimmer gebracht. Ich bin stolz wie Oskar! Wir sind die glücklichsten Menschen auf der Welt! Ein neues Leben beginnt.

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